Rezension: Heartless. Der Kuss der Diebin von Sara Wolf

Rezension auf einen Blick

Themen: Gefangenschaft, Verrat, Verlust
So fühlt sich das Buch an: herausfordernd, aufmüpfig, herzzerreißend 
Der erste Satz: „König Sref von Cavanos mustert mich mit den kalten Augen eines Raben, der über einem Kadaver kreist – geduldig und bereit, mich zu verschlingen, sobald ich mir eine Blöße gebe.“

Vorwarnung: Der erste Teil dieser Rezension ist frei von Spoilern. Die Informationen, die ich preisgebe, stehen auf den ersten Seiten des Buches oder im Klappentext. Ab dem Absatz mit der Überschrift „Spoilerwarnung“ bespreche ich die vollständige Handlung des Buches. Ab da verrate ich also wichtige Punkte, die ihr vielleicht nicht verraten haben wollt. Also wer das Buch noch ohne Vorwissen lesen will, sollte dort aus dem Text aussteigen.

Ohne Spoiler

Zera ist mutig, schön und selbstbewusst. Doch sie ist kein normaler Mensch mehr. Sie ist eine Herzlose. Eine Hexe hat ihr das Herz genommen und sie zu ihrer Dienerin gemacht. Drei Jahre lebt sie mit dieser in einem Wald. Bis ihr eine wichtige Aufgabe anvertraut wird. Um einen weiteren Krieg zwischen Hexen und Menschen zu verhindern, soll sie sich an den Hof des Königs der Menschen schleichen und dem Kronprinz das Herz stehlen, um ihn ebenfalls zu einem Herzlosen zu machen. Im Tausch gegen ihre eigene Freiheit. Zera muss nun lernen, sich am Hof zu bewegen, ohne aufzufallen und trotzdem die Gunst des Prinzen für sich gewinnen. Sie wird als eine der Frühlingsbräute, mögliche Heiratskandidatinnen für den Prinzen, vorgestellt. Prinz Lucien hat noch jede abgelehnt und wirkt auf den ersten Blick kalt und arrogant. Zera schafft es trotzdem, ihm näherzukommen. Doch auf einmal ist ihre Aufgabe gar nicht mehr so einfach, denn sie droht, sich in ihr Opfer zu verlieben

Die Prämisse des Buchs hat mir sehr gut gefallen. Zera muss nicht nur lernen, sich im feindlichen Gebiet zu bewegen, ohne aufzufallen – denn ihre Enttarnung würde ihren Tod bedeuten – sie muss auch gegen ihre eigenen Triebe ankämpfen, die sogenannte Glut. Da sie Herzlos ist, hat sie das Bedürfnis zu töten. Jede Sekunde jedes Tages muss sie sich dagegen wehren. Diese Dynamik fand ich sehr spannend, da Zera nie wirklich 100 Prozent Herr ihrer selbst ist. 

Auch hat mir ihr Charakter sehr gefallen. Sie ist aufmüpfig und kompromisslos und fällt dem Prinzen auf, weil sie die einzige Dame am Hofe ist, die sich nicht so benimmt, wie sie es sollte. Doch Lucien ist ein sehr harter Brocken. Am Anfang war er mir unsympathisch, doch am Ende des Buches hatte sich meine Meinung komplett geändert. Er war einer meiner Lieblingscharakter, vielleicht besonders, weil er es mir am Anfang nicht einfach gemacht hat, ihn zu mögen. 

Zera und Lucien werden von vielen weiteren interessanten und tiefgründigen Charakteren ergänzt, die alle ihre eigene tragische Hintergrundgeschichte haben. Mein Liebling war Luciens Leibwächter. Der einzige Charakter, der in Sachen Schlagfertigkeit mit Zera und Lucien mithalten konnte. Mit Malachite kann man Pferde stehlen. 

Doch egal, wie positiv diese Punkte auch sind, ein paar Kritikpunkte muss ich dennoch anführen, damit diese Rezension ehrlich bleibt. 

Der Schreibstil hat mich besonders am Anfang immer mal wieder rausgerissen. Ganz anders, als man es in Fantasy-Romanen gewohnt ist, war die Sprache sehr viel moderner und umgangssprachlicher, was mich oft irritiert hat. Es fallen Ausdrücke wie „Teenies“ und auch Zeras Humor hat eher gewirkt, als würde er in einen Roman passen, der in der Realität spielt. Irgendwann bin ich aber reingekommen und dieser für Fantasy untypische Ton wurde zu etwas, was diese Geschichte vielleicht besonders macht. Gewöhnungsbedürftig ist es trotzdem. 

Auch habe ich eine Weile gebraucht, um richtig in die Geschichte hineinzufinden. Die erste Hälfte des Buches hat mir wesentlich weniger gut gefallen als die zweite. Während ich an der zweiten kaum etwas auszusetzen habe, hat die erste Hälfte mich kaum gepackt. Das Buch beginnt zwar gleich mit dem Moment, in dem Zera auf Lucien trifft, was ich sehr gut fand, doch dann springt es zwei Wochen zurück und erklärt, wie es zu diesem Moment kam. Meiner Meinung nach nimmt diese Vorgeschichte viel zu viel Raum ein. Ich verstehe, dass sie zum Teil notwendig war, um die Welt richtig aufzubauen und Zeras Hintergrund zu erklären, aber ich hätte es besser gefunden, wäre das wesentlich kürzer gekommen. Ich wollte einfach nur, dass es endlich dort weitergeht, wo das Buch eingesetzt hatte. 

Alles in allem hat mir das Buch aber gefallen, und ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Teil, weil die Autorin sehr viele interessante Handlungsstränge in diesem Buch einführt, die dort vermutlich noch eingehender behandelt werden. 

Spoilerwarnung 

Es gibt sehr viele Nebenhandlungsstränge in diesem Buch, auf deren Auflösungen ich mich in den Folgebänden besonders freue. 

Zum einen wird angedeutet, dass Luciens Familie selbst Hexen waren. Das könnte in Band zwei zu sehr interessanten Situationen führen, da die Königsfamilie ja eigentlich hart gegen die Hexen kämpft und sie bitter verfolgt. Dass Lucien selbst solche Kräfte haben könnte, wird angedeutet, als sein Leibwächter und bester Freund Malachite fast stirbt. Zunächst sieht es aus, als sei er nicht zu retten, doch Lucien beugt sich über ihn und Malachite wacht auf, als habe er nur ein Nickerchen gemacht. Zera vermutet, dass Lucien unbewusst seine Kräfte genutzt hat. 

Obwohl die Meinung bei Hofe eigentlich eher gegen die Hexen spricht, will Lucien einen anderen Weg gehen. Er will ein liberalerer und besserer König werden, als er sein Vater war. Intrigen bei Hofe sind aber auch schon im ersten Band voll im Gange und werden vermutlich auch im zweiten Band nicht auf sich warten lassen. Die Königsfamilie sitzt nicht so sicher auf dem Thron, wie es auf den ersten Blick scheint. 

Besonders wichtig ist auch Luciens Schwester Varia. Sie soll vor Jahren gestorben sein und weder Luciens Eltern noch er selbst haben das jemals verkraftet. Sie wäre eigentlich die Thronerbin gewesen und ihr Tod bedeutete für Lucien ein völlig neues Leben. Zunächst hieß es, dass Hexen und Herzlose ihren Tod zu verschulden hätten, doch Zera, Lucien, Malachite und Fione finden heraus, dass Fiones Onkel Gavik dahintersteckte. Am Ende spielt das aber alles keine Rolle mehr, denn es ist doch alles anders, als gedacht. 

Kurz noch zur restlichen Handlung des Buches und zur Auflösung: Lucien und Zera lernen sich auf verschiedenen Veranstaltungen näher kennen und schleichen auch gemeinsam durch die Stadt. Da sie ihm gefällt, lädt Lucien Zera zu einem Jagdausflug mit anderen jungen Adligen ein. Dort soll Zera ihre Mission erfüllen und ihm das Herz stehlen. Eigentlich sollte das nicht zur schwierig werden, da Lucien bereits deutlich macht, wie viel er für sie empfindet und gerne mit ihr alleine sein will. 

Um Mitternacht treffen sie sich schließlich gemeinsam im Wald. Lucien denkt, Zera will ihm mitteilen, was sie für ihn empfindet und ob sie seine Königin werden will. Sie soll ihn zu einem Herzlosen machen. Obwohl sie dazu ansetzt, kann sie es nicht. Sie wehrt sich gegen die Glut. Doch sie wird von einem Schwert durchbohrt. Es ist Gavik, der gegen die Königsfamilie intrigiert. Er will Lucien töten und es so aussehen lassen, als wäre Zera, eine Herzlose, die Mörderin. Lucien ist umstellt. Doch Zera lässt die Glut Überhand gewinnen und tötet alle Angreifer, auch Gavik. 

Sie kann sich daran hindern, Lucien zu töten. Er weiß nun, was sie ist. Ihr Schicksal ist unklar. Wird er sie töten lassen? Wird ihre Hexe sie töten, weil sie ihre Aufgabe nicht erfüllt hat? Was empfindet Lucien nun für sie? Keine dieser Fragen wird in diesem Buch beantwortet. Und noch eine weitere hinzugefügt. Denn wie aus dem Nichts erscheint Luciens totgeglaubte Schwester . 

Der Cliffhanger dieses Buches ist also wirklich fies und lässt einen mit tausend Fragen im Kopf zurück, die ich so schnell wie möglich beantwortet brauche! Wegen all der Handlungsstränge, die in Band eins nur aufgebaut, aber noch nicht vollkommen erzählt wurden, gehe ich davon aus, dass Band zwei noch spannender wird. Ich kann es kaum erwarten!

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