Rezension: Ihr mich auch von Pia Herzog

Rezension auf einen Blick

Themen: Freundschaft, erfundene Freunde, Erwachsen werden
So hat sich das Buch angefühlt: humorvoll, rebellisch, pink
Der erste Satz: „Vor dem Drogeriemarkt hielt ich an und holte tief Luft.“ 

Vorwarnung: Der erste Teil dieser Rezension ist frei von Spoilern. Die Informationen, die ich preisgebe, stehen auf den ersten Seiten des Buches oder im Klappentext. Ab dem Absatz mit der Überschrift „Spoilerwarnung“ bespreche ich die vollständige Handlung des Buches. Ab da verrate ich also wichtige Punkte, die ihr vielleicht nicht verraten haben wollt. Also wer das Buch noch ohne Vorwissen lesen will, sollte dort aus dem Text aussteigen.

Ohne Spoiler

Lu macht es sich und anderen Menschen nicht leicht. Sie ist rebellisch und aufbrausend und nicht einmal beim Boxen wird sie all ihre Aggressionen los. Meist bleibt sie für sich. Die meisten Menschen machen sie nur noch wütender. Nur mit Rhys versteht sie sich. Aber das zählt sich so ganz. Denn nur sie kann ihn sehen. Rhys ist zwar erfunden, aber das macht ihn für Lu nicht weniger real. Sie braucht niemanden außer ihm. Und schon gar nicht will sie in Gegenwart von Viola sein, die sie noch mehr zur Weißglut bringt als alle anderen. Und schon gar nicht will sie auch noch mit ihr in den Urlaub fahren. Doch leider bekommt Lu nicht immer, was sie will. 

„Ihr mich auch“ ist ein Jugendroman, der sich auf sehr humorvolle Weise auch mit schwierigeren Themen auseinandersetzt, ohne dabei jemals pathetisch zu werden. Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, das mir noch so lange, nachdem ich es zur Seite gelegt habe, durch den Kopf geistert. Pia Herzog hat eine außergewöhnliche Geschichte mit einer mitreißenden Protagonistin geschaffen, die sie auf 200 Seiten perfekt und komprimiert erzählt, sodass es nie langweilig wird. Die Geschichte dreht sich nicht um das Retten der Welt oder ein fantastisches Abenteuer. Es erzählt die Geschichte eines Mädchens, das es nicht leicht hat, mit dem Erwachsen werden und das tut das Buch auf wunderschöne und schlichte Weise.

Lu ist rebellisch und aufmüpfig und fährt sehr schnell aus der Haut. Doch das ist Teil ihres Charmes. Sie tut sich schwer, im Umgang mit anderen Menschen. Es artet schnell in Streit oder aggressive Auseinandersetzungen aus. Doch schon schnell wird klar, dass hinter dieser harten Schale sehr viel mehr liegt. Wie es das ja so oft tut. Mit Gefühlen hat sie es nicht so, zumindest will sie das glauben. 

Ihr bester Freund Rhys bestätigt sie in ihren Überzeugungen und ist immer für sie da. Dass er nicht real ist, hat mir mehr als einmal das Herz gebrochen. Auch ist der Umgang der Autorin mit Lus erfundenem Freund das, was die Geschichte so besonders macht. Mehr will ich nicht verraten. Aber mich haben viele Stellen überrascht und zum Grinsen gebracht. 

Da ich nicht zu viel vorwegnehmen will, kommt hier ein kleines Zwischenfazit, bevor ich die Geschichte weiter seziere. Der Schreibstil ist schön und lässt zu, dass man das Buch flüssig lesen kann. Oft schreibt Pia Herzog schlicht, doch gespickt von besonderen und schönen sprachlichen Kniffen. Das zusammen mit den Charakteren, in die man sich gut hineinversetzen und mit denen man mitleiden kann, bietet mir alles, was ich in einem guten Buch suche. Jedem, der auch mal Jugendbücher liest, kann ich dieses Buch nur empfehlen. Ich werde es noch lange in guter Erinnerung behalten!

Spoilerwarnung

Lus Gegenpart, abgesehen von Rhys, ist Viola. Lus Mutter wird als Violas Kindermädchen eingestellt und ist schon am ersten Tag kündiungungsreif. Viola hat in einem Autounfall ihre Mutter, einen Arm und ein Auge verloren. Seitdem treibt sie ein Kindermädchen nach dem anderen in die Flucht, die ihr Vater einstellt, damit sie nicht alleine ist. Als sie auf Lu trifft, stößt sie auf eine ganz andere Reaktion, als sie gewöhnt ist. Als sie Lu anspuckt, ohrfeigt diese sie. Lu ist die erste, die Viola nicht nur bemitleidet, sondern ihr auch was entgegensetzt und genau das ist es, was die beiden zu Freunden macht.

Zusammen mit ihren Eltern fliegen sie nach Mallorca und sind gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen. Zunächst spielen sie sich Streiche, doch mit der Zeit gewöhnen sie sich aneinander und erkennen, dass sie jemanden gefunden haben, der sie besser versteht als die meisten. Lu läuft nicht wie jeder andere wie auf Eierschalen um Viola herum, und Viola ist die erste, die Rhys ernst nimmt. Sie will ihn kennenlernen und spricht über ihn, als sei er auch für sie real. 

In der Schule hat es Lu nicht immer leicht. Sie hat keine Freunde und eckt mit ihrer aufmüpfigen Art schnell an. So auch bei Christopher und seinen Freunden, die es total auf sie abgesehen haben. Natürlich lässt sie sich nicht unterkriegen und schon gar nicht, als Viola dann ebenfalls auf ihre Schule geht. Um aber diesen Kampf zwischen Lu und Christopher endgültig zu beenden, verabreden sie sich zu einem Duell: ein Motorrad-Rennen. 

Viola und Lu schaffen es tatsächlich, ein altes verrostetes Moped zum Laufen zu kriegen, doch in der Nacht des Rennens ist Lu auf sich alleine gestellt. Und scheitert. Sie hat nicht mehr genug Sprit im Tank. Zu ihrer Überraschung bricht Christopher das Rennen ab, um nach ihr zu sehen und verzichtet auf den Sieg. Das erste Mal verstehen sich die beiden, und Christopher verbringt sogar einen Nachmittag bei Lu Zuhause. Auf einmal ist alles anders. 

Lu hat inzwischen zwei Menschen, die sie als ihre Freunde bezeichnen kann. Genau dann verkündet ihr Rhys, dass seine Eltern nach Timbuktu ziehen und verabschiedet sich von ihr. Sie muss ihn gehen lassen. 

Das Buch endet mit Lus Verabredung mit Christopher. Die beiden gehen zusammen ins Kino, und es ist klar, dass aus ihnen mehr werden könnte als nur Freunde. Wie sie in der Schule nun miteinander umgehen werden, wird offengelassen. Aber Lu hat sich sehr verändert im Laufe der Handlung, ist ein kleines bisschen erwachsener geworden, weniger wütend und fähig, auf andere Menschen einzugehen. 

Das Ende ist perfekt so, wie es ist. Und das hat mit einer Wunschkastanie und einer Sternschnuppe zu tun. Wer das verstehen will, muss aber das Buch lesen. Denn erklären, werde ich es nicht.

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