Rezension: Ophelia Scale. Der Himmel wird beben von Lena Kiefer

Rezension auf einen Blick

Themen: Widerstand, Versöhnung, Schuld
So hat sich das Buch angefühlt: besiegt, aussichtslos, kämpferisch
Der erste Satz: „Eins.“

Vorwarnung: Der erste Teil dieser Rezension ist frei von Spoilern. Die Informationen, die ich preisgebe, stehen auf den ersten Seiten des Buches oder im Klappentext. Ab dem Absatz mit der Überschrift „Spoilerwarnung“ bespreche ich die vollständige Handlung des Buches. Ab da verrate ich also wichtige Punkte, die ihr vielleicht nicht verraten haben wollt. Also wer das Buch noch ohne Vorwissen lesen will, sollte dort aus dem Text aussteigen.

Ohne Spoiler

Ophelia hat versucht, den König zu erschießen. Das Attentat ist missglückt und nun wartet sie in einer dunklen Zelle auf den Tod. Lucien hat sie manipuliert und sie ihre Ideale verraten. Sie ist bereit zu sterben. Doch so einfach ist es nicht. Phoenix, der Chef des Geheimdienstes, bietet ihr einen Handel an: Wenn sie bei ReVerse als Doppelagentin tätig ist, kann sie ihr Leben retten und ihre Familie beschützen. Der innere Konflikt, der Ophelia im ersten Teil schon fast zerrissen hat, zerrt weiter an ihr. Wird sie daran zerbrechen?

Die Ophelia Scale Reihe ist jetzt schon mein absolutes Jahreshighlight, dabei habe ich das letzte Buch noch nicht gelesen. Der erste Teil war schon fantastisch und der zweite Teil wirklich genauso gut. Für mich hat es sich angefühlt, als hätte ich den ersten Teil nie aus der Hand gelegt, weil der zweite so mühelos wieder in die Geschichte einsteigt und einen mitreißt. 

Ophelia ist immer noch der Grund, warum diese Geschichte so außergewöhnlich ist. Normalerweise liest man über Heldinnen, an denen alles spurlos vorbeigeht und die in ihren Überzeugungen unerschütterlich verankert sind. Gerade Ophelias innerer Konflikt ist das, was die Geschichte so fesselnd macht. Als Leser kann man sich vorstellen, die gleichen Entscheidungen zu treffen und die gleichen Fehler zu machen wie sie. Sie ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Sie macht große Fehler. Aber sie versucht unermüdlich, diese zu beheben. Ich habe richtig mit ihr gelitten.

Zunächst will sie nicht auf den Handel des Geheimdienstchefs eingehen. Sie will lieber sterben, als wieder als Doppelagentin tätig zu sein. Doch die Angst davor, wie sehr ihre Eltern darunter leiden würden, wenn sie es nicht tut, bringt sie dazu, ihre Meinung zu ändern. Aber selbst, wenn ihr die Mission gelingt, erwartet sie keine vollständige Begnadigung, sondern ein Clearing. Die Erinnerungen der letzten zehn Jahre sollen aus ihrem Gedächtnis gelöscht werden. Sie müsste das gleiche erleiden wie Knox. Allein als ich das gelesen habe, hat sich mir die Kehle zugeschnürt. Ophelia ist gebrochen und trotzdem nicht bereit, ihre Familie aufzugeben. 

Die Handlung ist spannend und voller Überraschungen. Mit Ophelias Gefühlen wird wirklich gespielt. Das Buch ist noch emotionaler als der erste Teil. Aber weil ich noch nicht spoilern will, werde ich nicht im Detail darauf eingehen. Das folgt dann im Spoilerteil. 

Mein Fazit ist also, dass die Ophelia Scale Reihe – bis jetzt – meine Lieblingsbücher des Jahres sind, und ich kann es kaum abwarten, den dritten Teil endlich zu lesen. 

Spoilerwarnung

Als Ophelia versucht hat, den König umzubringen, hat Troy die Chance genutzt, die Omni, eine hochentwickelte KI, aus dem Schloss zu stehlen. Ophelias Mission ist es, diese zurückzubringen. Deswegen schleicht sie sich zur neuen Basis der Widerstandsgruppe ReVerse. Sie dachte zunächst, dass sie dort nur auf Fremde treffen würde. Doch sobald sie ankommt, folgt die erste Überraschung. Der Anführer ist kein anderer als ihr Ex-Freund Knox. Als er von den Soldaten des Königs geschnappt worden war, sind ihm die Erinnerungen an die letzten zehn Jahre seines Lebens gelöscht worden. Doch das wurde rückgängig gemacht. Er kann sich wieder an Ophelia erinnern. 

Sie kann es kaum fassen. Die beiden sind wieder vereint. Das macht die Situation für Ophelia wesentlich schwieriger, denn ihn zu hintergehen, wird ihr nicht leichtfallen. Er war der Grund, warum sie die meisten Dinge im ersten Teil gemacht hat. Was mit ihm geschehen war, hat sie zu der verbissenen Widerstandskämpferin gemacht, als die wir sie kennengelernt haben. Auch plagen sie Schuldgefühle und ein gebrochenes Herz wegen Lucien. Sie kann ihn nicht vergessen. 

Nicht nur Knox ist dort, sondern auch ihr bester Freund Jye. Schnell wird sie von allen akzeptiert. Doch auch ihre Freunde wissen nicht, wo die Omni untergebracht ist. Das weiß nur Troy. Und der lässt sich ewig nicht blicken und ist außerdem nicht gerade Ophelias größter Fan. 

Ophelia ist zunächst glücklich, Knox zurückzuhaben und will ein neues Leben mit ihm planen. Doch er ist nicht ganz der Alte. Obwohl seine Erinnerungen zurück sind, ist er emotional nicht stabil. Und auch sein Hass auf die Königsfamilie ist wesentlich schlimmer geworden. Aber vor allem hat Ophelia selbst sich verändert. Sie glaubt nicht mehr uneingeschränkt an die Ideale von ReVerse und obwohl sie immer noch glaubt, dass Lucien sie verraten hat, ist sie sich nicht sicher, ob die Überzeugungen des Königs nicht vielleicht doch der Wahrheit entsprechen. Dieser hatte die Regierung gegründet, da künstliche Intelligenzen drohten, intelligenter als Menschen zu werden und die Menschheit damit bedrohten. 

Ophelia geht dem weiter nach und findet raus, dass das tatsächlich stimmt. Da sie mit ihrer Mission nicht vorankommt, wird Emile zu ReVerse geschickt. Zumindest denkt sie das zunächst, bis ihr klar wird, dass das nur eine Tarnung ist. Es ist Lucien, der ihr nun helfen soll. Seine Anwesenheit bringt all die Gefühle zurück, die sie versucht hatte zu unterdrücken. Bittere und schöne. Als sie aber herausfindet, dass Lucien sie nie verraten und die Omni sie angelogen hat, spürt sie die ganze Schwere ihrer Schuld. Sie fühlt sich furchtbar, dass sie sich in ihrer Wut tatsächlich dazu hat hinreißen lassen, auf den König zu schießen und damit ihre Liebe zu Lucien geopfert hat. 

Zunächst ist nicht klar, ob er ihr verzeihen wird. Doch das tut er. Die beiden wissen nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird, aber sie wissen, dass sie sie gemeinsam bestreiten wollen. 

Weil Jye verwundet wird, kehren beide kurz nach Maraisville zurück. Dort trifft Ophelia zunächst auf Phoenix, der sie einem Clearing unterziehen will. Nur in letzter Sekunde kann sie davor gerettet werden. Diese Szene hat mir wirklich den Puls in die Höhe getrieben. Als sie gerettet wurde, musste ich kurz das Buch zur Seite legen, um mich zu beruhigen. Und es geht emotional weiter. Sie trifft auf den König. Es als Versöhnung zu bezeichnen, geht vielleicht zu weit, aber es ist ein Anfang. Doch es wird auch klar, dass Lucien und sie keine Zukunft haben. 

Lucien hatte gehofft, sein Bruder würde Ophelias Clearing nicht durchsetzen, wenn er ihn darum bittet. Doch ihm wird klar gemacht, dass das nicht geht. Der König riskiert seine Legitimation, wenn er Ophelia begnadigt. Für sie steht immer noch der alte Deal. Lucien und sie werden nicht zusammen sein können. In dieser Szene war vor allem Luciens verzweifeltes Klammern an das letzte Fitzelchen Hoffnung das, was mir das Herz zerrissen hat. Ophelia konnte zwar akzeptieren, was mit ihr passiert, aber nicht das, was es für Lucien bedeutet.

Die beiden kehren zu ReVerse zurück. Sie müssen ihre Mission hinter sich bringen und die Omni retten, bevor die ans Netz genommen wird. Lucien offenbart Ophelia seinen Plan. Sobald sie die Omni an die Regierung übergeben haben, werden die beiden zusammen abhauen. Lieber lebt er mit ihr im Exil als ohne sie. 

Doch alles kommt anders. Troy tötet Lucien fast, weswegen Ophelia ihn erschießt. Und als sie bei der Omni ankommen, ist sie bereits fort. Sie sind gescheitert. Lucien will trotzdem fortlaufen, doch Mitglieder der Regierung stoßen zu ihnen mit einer furchtbaren Nachricht: sein Bruder ist gestorben, seine Schwester ist fort. Das macht Lucien zum neuen König. 

Lucien trauert um seinen Bruder, aber ist erleichtert, dass er jetzt selbst entscheiden kann, was mit Ophelia geschieht. Er will sie mit sich nehmen. Doch sie bleibt. Die Omni ist immer noch fort und sie will ihre Schuld begleichen. Obwohl Lucien sie anfleht, entschließt sie sich, bei ReVerse zu bleiben, um für ihn zu spionieren. 

Das Ende ist natürlich nicht das, was mein romantisches Herz sich gewünscht hat, aber ich fand, dass es trotzdem die beste Lösung war. Ophelia wird sich niemals wirklich vergeben, wenn sie nicht alles in Ordnung bringt, was sie durcheinander gebracht hat. Und nur dann haben sie und Lucien auch die Chance auf eine gute Zukunft. Obwohl ich die beiden natürlich ungern getrennt sehe, bin ich sehr gespannt auf den nächsten Teil und hoffe sehr, dass die beiden dann das Happy End bekommen, was sie definitiv verdient haben. 

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