Buch vs. Film: Die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier

Bevor wir hier beginnen, muss ich natürlich noch eines klarstellen: Die Bücher sind immer besser als die Filme. Ich glaube, jeder von uns hat das schon mal laut ausgesprochen in seinem Leben. Und meist hat das einen ganz einfachen Grund: Die Filme sind niemals nah genug an unserer eigenen Fantasie. Aber natürlich kann man Verfilmungen doch etwas abgewinnen. Ich vergebe den Drehbuchautoren und Regisseuren ihre kreative Freiheit und dass sie meine Lieblingsszene rausgelassen haben – meistens zumindest.

Als ich die Filme zur Edelstein-Trilogie das erste Mal gesehen habe, war ich aber wirklich ein bisschen enttäuscht, weil nicht nur Kleinigkeiten vom Buch abweichen, sondern sogar sehr viel. Dabei ist der Rest sehr gut getroffen. Die Hauptcharaktere sind gut besetzt, die Kleider sind so schön, wie ich sie mir vorgestellt habe und selbst Xemerius sieht süß aus. Doch leider sind sie sehr weit von der Handlung der Bücher abgekommen. Beim zweiten Mal schauen, hat mich das nicht mehr so gestört. Es ist irgendwie auch interessant, eine völlig neue Interpretation von Gwendolyns Abenteuern zu sehen.

Hier versuche ich, die größten Änderungen aufzuzeigen, doch ich bin mir sicher, dass ich noch welche vergessen habe.

Das erste Treffen

Im Buch begegnet Gwendolyn Gideon das erste Mal im Hauptquartier der Loge. Sie rennen fast ineinander, als Mr. Georg sie durch die Gänge bugsiert. Vorher hatten sie noch gar keine Berührungspunkte miteinander, obwohl Charlotte ihn schon ihr ganzes Leben lang kannte. Im Film treffen die beiden bei Charlottes Geburtstag aufeinander. Er hält Gwendolyn erst mal für eine Kellnerin, und sie rennt in die richtige Kellnerin hinein. Die Sektgläser ergießen sich auf Gideons Jacket. So etwas hätte zwar auch der Buch-Gwendolyn passieren können, deswegen habe ich diese Änderung nicht so böse genommen. Trotzdem ist es eine starke Abweichung, weil sie ihn schon kennt, bevor sie ihre erste Zeitreise gemacht hat. 

Gwendolyns Begegnung mit ihrem Opa

Im Buch begegnet sie ihrem Großvater Lucas in den 50ern im Hauptquartier der Loge. Das geschieht im zweiten Buch. Noch weiß Lucas nicht genug, um ihr wirklich helfen zu können, doch er wird zu ihrem Verbündeten. Bis zu diesem Punkt war Gwendolyn mehr oder weniger ahnungslos und er hilft ihr, es nicht mehr zu sein. Im Film läuft das anders ab. Da trifft sie ihn schon zu Beginn des ersten Films, bevor sie überhaupt die Geheimloge des Grafen kennengelernt hat. Schon bei ihrer zweiten Zeitreise, nachts in ihrem Zuhause. Während sie im Buch vor Bediensteten fliehen musste, die sie für eine Einbrecherin gehalten haben, trifft sie jetzt auf ihren Großvater in den 90ern, kurz vor ihrer Geburt. Somit hat sie schon wesentlich früher einen Verbündeten, der sie vor den Gefahren, in die sie sich begeben wird, warnt. 

Die Loge

In den Büchern sind meist nur wenige Mitglieder vor Ort. Gwendolyn kennt nur den innersten Kreis und wenige Mitarbeiter. Und die sind meist in ihrer Alltagskleidung zusammen und eher selten in gruseligen Roben anzutreffen. Natürlich ist das Bild, das sie damit abgeben, für einen Film nicht eindrucksvoll genug. Oder so haben sich das anscheinend die Regisseure gedacht. Denn im Buch sitzen an langen Tischen viele Männer in langen grünen Roben herum und klopfen mit ihren Siegelringen auf die Kante ihrer hölzernen Stühle, während sie Beschwörungsformeln rufen und Gwendolyn aus einem komischen Kelch trinken muss. Wenn das auch im Buch der Fall gewesen wäre, dann wäre Gwendolyn sehr viel schneller misstrauisch geworden. Während sie im Buch Schritt für Schritt herausfinden muss, dass nicht alle was Gutes im Schilde führen, ist das im Film sehr viel offensichtlicher. Das Bild, was die Loge abgibt, schreit schließlich böser Menschenopfer bringender Kult. Und dazu noch diese bedrohliche Musik im Hintergrund. Sind die etwa böse? Hätte ich jetzt gar nicht mit gerechnet. Auch wird die Loge sehr viel schneller brutal. Im dritten Film nehmen sie Gwens Zimmer und Gideons Wohnung auseinander und schlagen auch noch Raphael nieder. Also das ist wirklich ein großer Unterschied. 

Der erste Kuss

Im Buch küssen sich die beiden nach ihrem Besuch bei Lucy und Paul Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Beichtstuhl, während sie in der Zeit zurückreisen. Der Kuss ist auch der Übergang vom ersten zum zweiten Buch. Im Film denkt man, es wird genauso ablaufen. Doch die beiden beugen sich nur näher zueinander und werden dann von ihrem Zeitsprung unterbrochen. Was ein Stimmungskiller. Und dann gibt es sogar noch einen Fast-Kuss in den Filmen, der von Mr. Georg unterbrochen wird. Man denkt schon, es passiert gar nicht mehr. Der erste Kuss passiert dann beim Schulball. Das ist neu für die, die die Bücher gelesen haben. Denn in den Büchern gehen die beiden nie zusammen auf einen Ball, zumindest zu keinem in der Gegenwart. 

Das Ende von Rubinrot

Am Ende des ersten Films kommen Gwen und Gideon schon zusammen und gehen auf einen Ball zusammen. Davon konnte die Bücher-Gwen nur träumen. Die muss sich bis zum dritten Buch gedulden, bevor die beiden ein Paar werden. Das hat natürlich auch sehr viele Änderungen im Verlauf der Geschichte hervorgebracht. Außerdem sind Gideon und Gwendolyn auf geheimer Mission, die es in den Büchern nicht gab, und Gwendolyn stirbt fast. Sie ist völlig unterkühlt und Dr. White und Falk überlegen, ob sie sie einfach sterben lassen wollen. Das passt natürlich auch gar nicht zu ihrem Charakter in den Büchern. Sie sind nicht die nettesten Menschen, aber so scheiße sind sie nun auch wieder nicht, dass sie abwägen würden, ein 16-jähriges Mädchen sterben zu lassen. Aber so gibt es wenigstens eine süße Szene, wie Gideon an ihrem Bett darauf wartet, dass sie aufwacht, die es im Buch nicht gab.

Gideons Entwicklung

Der Film-Gideon ist wesentlich schneller nett und einsichtig. In den Büchern hält er sehr viel länger an seinem Glauben an die Loge fest. Er will nicht einsehen, dass das, woran er sein ganzes Leben geglaubt hat, nicht wahr sein kann. Auch wenn Gwendolyn ihn davon überzeugen will. Im Film verändert sich seine Überzeugung sehr viel schneller. Und deswegen traut Gwendolyn ihm auch früher. Während Gwendolyn in den Büchern vor allem alleine ermittelt, ist Gideon in den Filmen schon viel früher miteingebunden. Er ist sogar bereit, mit Lucy und Paul zu sprechen. Das macht es natürlich einfacher.

Die Reihenfolge der Handlung

Nicht jede Änderung beinhaltet unbedingt, dass etwas rausgestrichen wurde oder hinzugefügt. Viele Handlungsschnippsel sind vorhanden, stehen nur an einer anderen Stelle, als sie im Buch vorzufinden waren. So reist Gwendolyn im ersten Film zum Beispiel zuerst ins 20. Jahrhundert und dann erst zum Grafen ins 18. Jahrhundert. Im Buch ist es anders herum. Auch ist die Szene, in der sie eigentlich hätte sterben sollen, aber überlebt, schon im ersten Film, während es erst im dritten Buch passiert. 

Kein Girandarno

Das war wirklich traurig. Ich habe mich schon so sehr auf den Reikimeister und Fashion Ikone gefreut. Im Film lernen wir ihn leider nicht kennen. Da muss die liebe Madame Rossini seine Rolle übernehmen, was wirklich wenig Sinn gegeben hat. Sie hat Gwendolyn schließlich immer aufgebaut und würde ihr niemals vorwerfen, so elegant zu sein wie eine Windmühle. Das muss man schon Mr. Girandarno, Entschuldigung nur Girandarno überlassen. 

Gideons Haare

Ab dem zweiten Film sind sie auf einmal kurz und nicht so lange, wie im Buch beschrieben. Da hätte sich Leslie nicht mehr fragen müssen, ob er damit nur seine Segelohren verdecken wollte. Keine große Änderung, ich weiß, aber was Rubinrot angeht, kann ich sehr kleinlich werden. 

Gideons und Gwens Beziehung

In den Filmen wird es zwischen den beiden viel schneller ernst. Sie sind vor allem auch schon früher nett zueinander. Also Gideon zu Gwendolyn. Die beiden gehen zusammen indisch essen, als wären sie Freunde. So entspannt sind sie im Buch selten zusammen. Deswegen sind sie in den Filmen auch schon schneller zusammen. Am Ende des ersten Filmes schon. Und sie gehen offen damit um. Während sie in den Büchern eher umherschleichen und sich nur küssen, wenn niemand in der Nähe ist, küssen sie sich im erste Film auf einem Schulball. Dadurch entwickelt sich ihre Beziehung auch in den beiden folgenden Filmen anders als in den Büchern. Gideon kommt im zweiten Film schon zu ihr nach Hause durchs Fenster geklettert und die beiden schlafen miteinander. Im Buch entwickelt sich alles wesentlich langsamer. Aber sowohl Buch- als auch Film-Gwendolyn leiden wegen Gideon unter erheblichem Liebeskummer. 

William de Villiers

Den Charakter gibt es nur in den Filmen. Er löst Falk und Dr. White ab. Die inneren Machtkämpfe in der Loge sind somit wesentlich stärker als in den Büchern. 

Die große Auflösung

Im Buch belauscht Gwen Grace und Falk, die sich über sie streiten, weil die Loge herausgefunden hat, dass Lucy und Paul ihre Eltern sind. Gwen bricht zusammen und Gideon bugsiert sie zum Elapsieren. Im Film erzählen es ihr Lucy und Paul persönlich bei einer ihrer Zeitreisen. Das Gespräch, das sie danach führen, führen sie auch in den Büchern. Im Film ist es Gideon, der William de Villiers belauscht und so die Wahrheit erfährt. 

Gideon in Gefangenschaft

Anstatt auf die Party es grünt so grün zu gehen, konfrontiert Gideon den Grafen und wird eingesperrt. Und die Loge in der Vergangenheit und in der Gegenwart hält ihn gefangen. Etwas, was in den Büchern nicht möglich gewesen wäre, weil sein Onkel das nicht zugelassen hätte. Aber wie schon angesprochen, ist die Loge in den Filmen wesentlich brutaler und skrupelloser. In den Filmen sind die meisten Mitglieder einfach irregeleitet durch ihren verqueren Glauben an eine höhere Sache. Es sind keine schlechten Menschen. Außer einem natürlich. 

Gwendolyn auf der Flucht

Im Film versuchen sie auch Gwendolyn zu kidnappen. Doch sie kann mit Charlottes und Mr. Bernhards Hilfe fliehen. Mr. Bernhard und Gwen fliehen quer durchs ganze Land. Die Loge will sie dann erpressen mit Gideons Leben, damit sie den Chronographen rausrückt. Gwen bereitet sich auf den Showdown vor, in dem sie mit Paul Kampfsport trainiert. Wo genau sind eigentlich die ganzen anderen Montrose-Frauen auf einmal hin? Die wahre Lady Arista hätte das auf keinen Fall mit sich machen lassen. Die wäre eingeschritten und hätte der Loge gezeigt, was sie wirklich kann. Doch im Film ist von ihr keine Spur. 

Das Ziel der Loge

In den Büchern ist es sehr simpel. Der Graf will die Unsterblichkeit für sich und will deswegen den Blutkreislauf schließen. Seinen Anhängern verkauft er dieses Ziel, in dem er ihnen weismacht, dass dadurch die ganze Welt verbessert werden könnte. Doch in den Filmen geht das noch wesentlich weiter. Auf einmal geht es auch um die Finanzmärkte und Bankencrashs und was weiß ich noch. Nur habe ich nicht so ganz verstanden, wie die Loge das kontrollieren konnte. 

Gwendolyns Kräfte

Auf einmal kann Gwen tausend Sachen in den Filmen, die sie in den Büchern nicht konnte. Sie kann auf einmal auch ohne den Chronographen gezielt in der Zeit reisen und auch noch den Ort wechseln. Das war im Buch nicht möglich. 

Gideon stirbt

Im dritten Film wird Gideon erschossen und Gwendolyn muss ihn sogar begraben. Dadurch gibt es einen ganz anderen Handlungsstrang. Gwen trainiert mit Paul und reist schließlich in die Vergangenheit, um seinen Tod zu verhindern. Gideon wird zwar auch im dritten Buch erschossen, doch da hat er schon das Elixier genommen, das ihn unsterblich macht. Gwendolyn muss keine Abenteuer ohne ihn mehr bestehen. Im dritten Buch sind die beiden ein Team und besiegen den Grafen gemeinsam. 

Charlottes Entwicklung

In den Büchern wird sie zwar auch ein bisschen netter, aber dann doch nicht so sehr wie in den Filmen. Charlotte hilft Gwendolyn Gideons Tod zu verhindern und wird zu einer richtig guten Freundin. Das ist im Buch leider nicht passiert. Das ist vielleicht der einzige Punkt, den ich sogar in den Filmen besser gelungen finde. Weil Charlotte eben zeigen konnte, dass sie mehr ist als eine eifersüchtige Zicke.

Der Tod des Grafen

Im Buch schaffen Gwen und Gideon es nicht, den Grafen in der Vergangenheit zu stoppen, sondern nur in der Gegenwart. Dr. White schlägt Dr. Whitman alias das Eichhörnchen alias den Grafen nieder. Im Film stirbt der Graf in der Vergangenheit und Dr. Whitman löst sich in der Gegenwart einfach auf (wie schon Voldemort vor ihm). 

Das versöhnliche Fazit

Jetzt, wo ich mich dann doch mal wieder ein bisschen über die Filme aufgeregt habe, ist es eigentlich mal wieder Zeit, die Bücher zu lesen. Das habe ich dieses Jahr noch nicht gemacht. Richtige Schande.

Aber natürlich gibt es auch Dinge, die die Filme gut hinbekommen haben. Mr. Georg war in den Filmen genauso sanft und lieb, wie ich ihn mir in den Büchern ausgemalt habe. Tante Glenda war genauso unausstehlich und Charlotte genauso hübsch wie in meiner Vorstellung. Leslie war aufgedreht und hilfreich und sehr sympathisch. Und Madame Rossini hat genau die Sätze gesagt, die ich vorher auch schon im Buch so geliebt habe. Sie ungezogener Knilch! Die Schauspieler haben mich alle überzeugt! Vor allem natürlich Gwendolyn und Gideon. Auch die meisten Orte waren meiner eigenen Vorstellung nicht unähnlich. Hätten sie sich nur ein bisschen mehr an die Vorlage gehalten… Ich höre ja schon auf. Genug gemeckert. Die Filme machen Spaß, und man muss einfach zugeben, so tolle Bücher gebührend umzusetzen, ist auch nicht leicht.

Für mich werden Gwen und Gideon immer mein Lieblingspaar aus einem Buch bleiben, egal, wie viele ich in Zukunft noch verschlingen werde. Danke an Kerstin Gier für ihre Meisterwerke!

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