Interview: Autorin Kathinka Engel

Interview auf einen Blick

Welches Genre dominiert dein Bücherregal? Klassiker. Definitiv.
Wie kannst du die Zeit beschreiben, seitdem „Finde mich. Jetzt“ veröffentlicht wurde? Vorsicht, jetzt kommt ein Klischee: Es war und ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Anders kann ich es nicht sagen.
Was fällt dir beim Schreiben am leichtesten? Die Figurenkonzeption. Das passiert von ganz alleine.

Schreiben hat nicht immer zum Leben von Autorin Kathinka Engel dazugehört. Doch mit der Geschichte von „Finde mich. Jetzt“ hat alles angefangen. Seit ein paar Wochen ist ihr Debüt nun veröffentlicht. Im Interview erzählt Kathinka Engel, wie sie zum Schreiben kam, warum sie sich nicht mehr vorstellen kann, ein Leben ohne zu führen, und gibt kleine Hinweise, welche Bücher von ihr noch folgen werden.

Lesen begleitet dich schon dein ganzes Leben. Wann und wie kam auch das Schreiben dazu?

Die Sache mit dem Schreiben ist ehrlich gesagt eine sehr neue Entwicklung. Die beste meines Lebens, auf die ich seltsamerweise ewig gewartet habe. Es ist wirklich komisch, aber ich hätte bis vor anderthalb Jahren nie gedacht, dass in mir eine Autorin steckt. Doch dann hatte ich auf einmal eine Idee und die Worte fingen an, sich in meinem Kopf zu formieren. Also habe ich mich hingesetzt und angefangen. Und das war der Moment, in dem ich wusste, ich will mein Leben lang nur noch das machen. Der zweite Gedanke war: Warum um Himmels willen hast du damit so lange gewartet?

Die „Finde-mich“-Reihe ist gleich eine Trilogie. War das auch von Anfang an so geplant oder hast du erst das erste Buch geschrieben und dann gemerkt, dass du noch mehr erzählen willst?

Ich wollte von Anfang an eine Reihe schreiben. Die sah aber noch ganz anders aus. Mit meinem Agenten, dem Verlag und meinen ganzen grandiosen Testleser*innen habe ich entschieden, dass mein Plan so nicht funktioniert. Und dann kamen mir nach und nach die Ideen für die anderen Geschichten, sodass es am Ende doch eine Trilogie wurde. 

„Finde mich. Jetzt“ wurde erst vor Kurzem veröffentlicht und ist jetzt schon sehr erfolgreich. Wie kann man das Gefühl beschreiben, wenn man sieht, dass so viele Menschen die Geschichte lesen, die man geschrieben hat?

Das frage ich mich seit dem Erscheinen selbst. Denn obwohl Wörter mein Job sind, habe ich bislang noch keine gefunden, die auch nur annähernd beschreiben, was in mir vorgeht. Es ist auf jeden Fall wild und großartig und überfordernd. Auf die beste Art. Sobald ich es genauer sagen kann, melde ich mich nochmal.

„Finde mich. Jetzt“ ist dein Debüt. Hast du vorher auch andere Geschichten geschrieben, die nicht veröffentlicht wurden oder ist es wirklich deine erste Geschichte?

Das ist tatsächlich meine allererste Geschichte. Mein allererster Schreibversuch. Das klingt vermutlich absolut verrückt, aber mein Traum war es immer, Lektorin zu werden. Und als ich das dann geschafft hatte, habe ich nicht weitergeträumt. Bis zu dem Moment, als ich wusste, diese Geschichte will ich erzählen. Bevor mein Kopf sagen konnte, dass das eine schlechte Idee ist, dass ich das ohnehin nicht schaffe und so weiter, habe ich es einfach gemacht. Es schlummern also tatsächlich keine unveröffentlichten Manuskripte in meiner Schublade. 

„Believe in second chances“ ist das Motto deiner Buchreihe. Warum hast du zweite Chancen als großes Thema deiner Bücher gewählt?

Ich mag Themen, die nicht eindeutig sind. Interessante Entscheidungsfragen, moralische Dilemmata. Zweite Chancen sind so ein Thema. Denn natürlich kann man nicht pauschal sagen, dass man jedem eine zweite Chance geben sollte. Oft ist zu viel kaputt gegangen. Manche Dinge sind einfach nicht verzeihlich – ob nun auf privater oder öffentlicher Ebene. Aber dann gibt es eben auch die Fälle, die eine zweite Chance verdient haben. Das herauszufinden ist an sich schon ein Risiko. Aber es kann sich lohnen. Und genau um diese Art von zweiten Chancen geht es in meiner Reihe. 

In „Finde mich. Jetzt“ gibt es viele sehr emotionale Szenen. Wie bereitest du dich auf das Schreiben solcher Szenen vor?

Ich habe mir lange Gedanken gemacht, wie sich das am besten beschreiben lässt. Kennst du den Begriff des „Method Acting“? Viele bekannte Schauspieler bereiten sich so auf ihre Rollen vor. Sie schlüpfen vollkommen in den Charakter, den sie spielen. Daniel Day Lewis beispielsweise wird während der Dreharbeiten (auch in Drehpausen) zu der Person, die er vor der Kamera spielt. Und so in etwa mache ich es auch. Mit dem Unterschied, dass sich bei mir alles in meinem Kopf abspielt. Das Ziel ist es, mich selbst glauben zu machen, ich würde in diesem Moment die Gefühle meiner Protagonisten empfinden. Das ist emotional ziemlich auslaugend, aber auch irrsinnig spannend. 

Du hast Literaturwissenschaften studiert. Hilft dir das jetzt auch beim Schreiben?

Wenn man ganz ehrlich ist, dann hilft einem das geisteswissenschaftliche Studium bei nicht vielem im wirklichen Leben nach der Uni. Und ich glaube auch nicht, dass es für das Schreiben einen sonderlichen Unterschied macht. Ich weiß viel über Literaturtheorie, aber ich setze mich nicht hin und sage mir: „Heute schreibe ich für den impliziten Leser über eine Grenzübeschreitung, um ein Sujet nach Juri Lotman zu erhalten.“ Allerdings geht aus einem theoretischen Verständnis vielleicht auch ein praktisches Verständnis hervor. Wenn das der Fall ist, dann hilft es mir möglicherweise schon. Aber es ist nicht so, dass ich bewusst auf Wissen aus meinem Studium zurückgreifen würde.

Was fällt dir beim Schreiben am schwersten?

Bislang ist es die Koordination. Ich arbeite Vollzeit als Lektorin, sodass ich das Schreiben überall reinquetschen muss, wo noch Zeit ist. Ich schreibe am Wochenende und nach Feierabend. Manchmal nehme ich mir Schreiburlaub. Ich hätte sehr gerne eine geregelte Routine, denn ich glaube, das würde vieles einfacher machen.

Was fällt dir beim Schreiben am leichtesten?

Die Figurenkonzeption. Das passiert von ganz alleine. Es ist so, als müsste ich gar nichts dazu tun und plötzlich – schwupps – habe ich eine Figur im Kopf, die eine spannende Geschichte und Konflikte mit sich bringt, aus denen dann eine Geschichte entsteht. 

Was war für dich auf dem Weg bis zur Veröffentlichung am schwierigsten?

Wieder muss ich sagen, das war die Zeit. Ich hatte so knappe Deadlines, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, Selbstzweifel oder Schreibblockaden zu entwickeln. Die kommen erst jetzt so richtig. 

Du bist auch auf Instagram aktiv. Ist der Austausch mit deinen Lesern für dich wichtig?

Absolut! Ich finde es großartig, dass Social Media mir als Autorin die Chance gibt, mit meinen Leser*innen direkt in Kontakt zu treten. Und ich glaube, für die Leser*innen ist das auch spannend. Ehrliche Begeisterung von Leuten, die mein Buch gelesen haben, ist die beste Motivation für mich. Und wenn ich konstruktive Kritik bekomme, ist das schließlich auch eine Chance für mich.

Hast du ein Mittel gegen Schreibblockaden?

So eine richtige Schreibblockade hatte ich glücklicherweise noch nicht. Ich klopfe gleich dreimal auf Holz, damit das noch so lange wie möglich so bleibt. Natürlich gibt es Tage, an denen es einfach nicht so vorangeht, wie ich mir das wünsche. Alles fühlt sich dann falsch und zäh an. Meistens hat es keinen Sinn, mich zu quälen, da ich in diesen Momenten alles furchtbar finde, was ich fabriziere. Dann hilft mir bislang Abstand von meinem Text und dem Schreiben. Frische Luft, ein bisschen Bewegung, Ablenkung. Wenn ich mich am nächsten Tag wieder hinsetze, fällt es mir meistens wieder leichter. 

Wie schafft man es als Autor, mit Selbstzweifeln umzugehen?

Gerade bin ich dabei das herauszufinden. Im letzten Jahr hatte ich keine Kapazitäten für Selbstzweifel. Die wurden einfach von den Deadlines niedergewalzt. Aber jetzt, wo ich anfange, mich selbst auch als Autorin zu sehen, sind sie schwieriger zum Schweigen zu bringen. Was mir hilft, ist der Austausch mit Kolleg*innen, die das gleiche durchmachen und mit mir ihre Erfahrungen teilen. Das ist sehr wertvoll, weil es zeigt, dass ich nicht allein bin mit all dem Irrsinn.

Gibt es ein Genre, in dem du dich gerne mal ausprobieren würdest?

Mit Sicherheit werde ich mich irgendwann mal an andere Genres wagen. Ich hätte große Lust, etwas Lustiges zu schreiben. Aber bislang gibt es keine konkreten Pläne in die Richtung. 

Warum hast du dich bei deinem Debütroman für eine Liebesgeschichte  entschieden? Hattest du auch andere Genre im Kopf oder war von Anfang an klar, dass du genau so eine Geschichte schreiben wirst?

Ich hatte zuerst die Geschichte im Kopf, die ich erzählen wollte. Und das war ganz eindeutig eine New-Adult-Geschichte, sodass ich mir über die Wahl des Genres keine Gedanken mehr machen musste. 

Warum schreibst du? Was begeistert dich daran?

Angefangen habe ich, weil es diese eine Geschichte gab, die ich erzählen wollte. Und dann habe ich gemerkt, dass das Schreiben das Großartigste ist, was ich je in meinem Leben ausprobiert habe. Jetzt kann ich mir ein Leben ohne das Schreiben gar nicht mehr vorstellen. Ich finde es einfach unglaublich spannend, mich in meine Figuren hineinzuversetzen. Mit Worten Welten zu erschaffen. Das ist es, was mich daran fasziniert. 

Hast du eine seltsame Schreib- oder Lesegewohnheit?

Eine Angewohnheit nicht direkt. Aber manchmal passiert es mir, dass ich in den unmöglichsten Positionen lese oder schreibe und erst viel zu spät merke, dass meine Beine schon seit längerem völlig taub sind. 

Welchen Tipp würdest du angehenden Autorinnen und Autoren geben?

Ich habe zwei Tipps. Nummer eins: Findet eure eigene Stimme. Verkünstelt euch nicht, wollt nicht zu viel. Es ist besser authentisch zu sein als ambitioniert. Nummer zwei: Holt euch Hilfe. Aus Schreibratgebern, von anderen Autor*innen, von ehrlichen Testleser*innen. Lasst Leute, denen ihr vertraut, an eurem Prozess teilhaben, damit die euch helfen können, zu wachsen. 

Wie kannst du die Zeit beschreiben, seitdem „Finde mich. Jetzt“ veröffentlicht wurde?

Vorsicht, jetzt kommt ein Klischee: Es war und ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Anders kann ich es nicht sagen. Ich wache jeden Morgen mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Glückseligkeit auf. Tagsüber versuche ich, nicht jede Sekunde an meine Bücher zu denken, weil ich im normalen Leben funktionieren muss. Und nachts liege ich wach und habe Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen. 

Gibt es einen Aspekt des Autorendaseins, an den du dich niemals gewöhnen wirst?

Bislang habe ich mich noch an überhaupt nichts gewöhnt. Ich weiß nicht, ob das irgendwann besser wird, aber eigentlich wäre es fast schade, wenn all das Verrückte, das gerade um mich herum passiert, irgendwann alltäglich für mich ist. Vielleicht wäre es schön, wenn ich demnächst mal wieder richtig gut schlafen würde. Aber den Rest will ich bitte so magisch behalten, wie er im Moment ist. 

Welches Genre dominiert dein Bücherregal?

Klassiker. Definitiv. Das liegt einerseits am Studium und andererseits daran, dass ich neben Liebesromanen am liebsten Klassiker lese. Die kommen oft in mehrbändigen Werkausgaben, sodass sie schnell alles andere übertrumpfen.

Schreibst du schon an einer neuen Geschichte und wenn ja, kannst du schon ein bisschen was darüber verraten?

Ja! Viel kann ich noch nicht verraten – ich darf nicht. Aber es wird wieder eine Reihe. Mit neuem Setting und neuen spannenden Figuren. Als ich im Mai in den USA herumgereist bin, waren sie plötzlich in meinem Kopf, obwohl ich eigentlich nur Urlaub machen wollte. Und seither lassen sie mich nicht mehr in Ruhe. Deswegen sitze ich jetzt wieder an den Wochenenden an meinem Schreibtisch.

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