Interview: Autorin Kira Mohn

Interview auf einen Blick

Wovon handelt die erste Geschichte, die du jemals geschrieben hat? Sie handelt von einem Mann, der morgens aufwacht und spürt, dass er an diesem Tag sterben wird.
Lieber nie wieder lesen oder nie wieder schreiben? Nie wieder lesen. 
Mit welchem Schriftsteller – lebend oder tot – würdest du gerne Essen gehen? Das ist leicht: Mit Terry Pratchett.

Die „Show me the Stars“-Autorin hat uns mit ihrer Leuchtturm-Trilogie alle für Irland und ein ruhiges Leben begeistert. Jetzt erzählt sie von ihrer neuen Buchreihe, was sie auf dem Weg als Schriftstellerin ins Straucheln gebracht hat und warum sie manchmal das Ende eines Buches schon vorziehen muss, um einen Roman besser genießen zu können. Kira Mohn, die auch schon unter dem Namen Kira Minttu veröffentlicht hat, zeigt sich ehrlich und aufgeschlossen im Interview. 

Wie kam dir die Idee zur Leuchtturm-Trilogie?

Ich liebe das Meer und gehöre zu denjenigen, die kilometerweit in der auslaufenden Gischt den Strand entlanggehen können. Leuchttürme haben mich schon immer angezogen, und ich habe mich auch schon häufiger mal gefragt, wie es wäre, für eine Weile in einem Leuchtturm zu leben. Die Geschichte um Liv ist in groben Zügen innerhalb weniger Tage entstanden, und meine Lektorin mochte die Idee glücklicherweise genauso gern wie ich.

Würdest du gerne auch mal sechs Monate in einen Leuchtturm ziehen oder wäre das dir zu einsam?

Nein, das würde ich tatsächlich sofort tun – hätte ich nicht zwei Kinder, die dafür wenig Verständnis aufbrächten (und die ich auch zu sehr vermissen würde). Aber irgendwann früher oder irgendwann später … Ich bin ein Mensch, der sehr gut mit sich allein sein kann, und aktuell wüsste ich die Zeit für mich auch wirklich zu schätzen. Nur ich und ein Leuchtturm. Und mein Rechner. UND eine funktionierende Internetverbindung. 

Hattest du die Idee schon gleich für die ganze Trilogie oder hast du erst „Show me the Stars“ geschrieben und konntest Matthew (so heißt der Leuchtturm) nicht aufgeben?

Ursprünglich war Livs Geschichte tatsächlich als Einzelband geplant. Nach der Abgabe der ersten langen Leseprobe stand dann eine Dilogie im Raum und noch etwas später eine Trilogie. Ich persönlich war schon im Glück beim Unterschreiben des Vertrags für „Show me the Stars“ – man kann sich also vorstellen, wie beglänzt ich war, als Rowohlt sich entschied, auf eine Trilogie zu setzen.

Ist es leichter, über einen Charakter zu schreiben, den du erst neu kennenlernst (wie Liv in „Show me the Stars“) oder einen, den du schon aus einem anderen Buch kennst (wie Airin und Seanna)?

Ich finde es leichter, einen völlig neuen Charakter zu erschaffen. Mir ist es immer wichtig, dass meine Figuren sich authentisch verhalten, im Bezug auf sich selbst, aber auch in ihrem Verhältnis zu anderen. Schreibe ich an einer neuen Protagonistin, ist zunächst einmal noch alles offen. Je mehr die Figur aber schon durch vorhergehende Bücher eingeführt wurde, desto klarer definiert sind natürlich auch ihre Grenzen. Man könnte meinen, dass es das leichter macht, aber ich empfinde dabei das Gegenteil. Die Protagonistin Airin zum Beispiel, aus „Find me in the Storm“, war durch die Vorgänger-Bände bereits so deutlich gezeichnet, dass ich ihr einige Dinge, die ich für das Buch geplant hatte, gar nicht mehr habe anschreiben können. Ein neuer Charakter hätte das hingenommen, aber Airin hat mich angesehen und mir den Vogel gezeigt: Glaubst du echt, dass mich das aus der Bahn werfen würde? Bist du irre? Du KENNST mich doch!
Keiner will wissen, auf wie vielen Wegen ich versuchen musste, Airin eine Geschichte zu verpassen, in die sie letztlich hineingepasst hat. 

Warum schreibst du Liebesgeschichten?

Würde man mich fragen, was für eine Art Geschichten ich schreibe, würde ich wohl antworten: Ich schreibe Geschichten über Menschen. Über deren Gedanken, Wünsche, Ängste, Träume, Niederlagen und persönliche Erfolge. Emotionen gehören auch dazu, und die Liebe ist eine von ihnen, eine der wichtigsten sogar. Zugegebenermaßen macht es mir genauso viel Spaß, meine Figuren in Gefühle wie Enttäuschung, Zorn, Neid oder sogar Hass zu stürzen, aber meistens bin ich eine nette Autorin und sorge dafür, dass die Protagonisten sich entwickeln, wachsen und eben auch lieben dürfen. 

Kannst du dich noch erinnern, wovon die erste Geschichte, die du jemals geschrieben hast, gehandelt hat? Und wie alt warst du damals?

Ja, ganz genau, ich besitze sie sogar noch. Ich war dreizehn, und ich schrieb diese Kurzgeschichte mit Bleistift auf einige lose Seiten. Sie handelt von einem Mann, der morgens aufwacht und spürt, dass er an diesem Tag sterben wird. Er verbringt die nächsten Stunden damit, herumzuwandern und sich alles in aller Stille noch einmal anzusehen: Seine schlafende Frau, sein schlafendes Kind, die Welt um sich herum, zu der er jetzt noch gehört – und dann wird er im letzten Satz, nachdem ich ihn sehr viele liebevolle Gedanken habe denken lassen, von einem Auto angefahren und stirbt.
Sehr traurig. Sehr, sehr traurig. So viel geweint wie über dieses Ende habe ich erst viele Jahre später wieder wegen einer völlig anderen Szene in dem Buch „Tanz, meine Seele“.

Warum schreibst du? Was begeistert dich daran?

Na ja, du erfindest Welten und bist quasi Miniatur-Göttin – wen könnte das nicht begeistern? 
Nein, im Ernst: Ich liebe das geschriebene Wort, habe es schon immer geliebt, und ich bin wahnsinnig dankbar, dass die Geschichten, die ich schreibe, Leserinnen und Leser finden (ich singe zum Beispiel auch sehr gern – aber in diesem Fall gibt es nur meine beiden Kinder, die behaupten würden, ich könne das auch gut).
Ich kann tagelang an einer einzelnen Passage herumfeilen, und wenn ich mir das Ergebnis selbst laut vorlese und endlich für mich beschließe, dass es genau so klingen muss, gibt mir das genauso viel wie jedem, der etwas erschafft, erweckt, auf die Beine stellt oder in Bewegung setzt.

Bist du einer Figur, die du erschaffen hast, ähnlich oder steckt immer nur ein kleiner Teil von dir darin?

In den meisten Figuren steckt nur ein kleiner Teil von mir. Bei einigen ist der so winzig, dass ich ihn selbst kaum noch zu fassen kriege, aber ich weiß, irgendwo existiert er. Es gibt bisher nur eine Protagonistin in all meinen Büchern, in der wirklich viel von mir steckt – und das war ausgerechnet die, die sämtliche Verlage, die das Manuskript vorgelegt bekamen, „nicht nett genug“ fanden. Ich versuche, nicht allzu oft darüber nachzudenken. 

Was war auf deinem Weg bis zu diesem Punkt am schwierigsten?

Am härtesten getroffen hat mich bisher die Ablehnung eines Manuskripts, an das ich wirklich so fest geglaubt habe, dass ich absolut überzeugt davon war, es würde einen schönen Platz bei einem Verlag finden – tief in meinem Inneren WUSSTE ich es einfach.
Tja, und dann wollte es niemand, weil man – ich habe das weiter oben schon erzählt – die Protagonistin unsympathisch fand.
Mittlerweile habe ich das überwunden, in erster Linie deshalb, weil sich aufgrund dieses abgelehnten Manuskripts letztlich doch die Zusammenarbeit mit Rowohlt entwickelte, aber damals stand ich kurz davor, alles in die Ecke zu feuern.

Was fällt dir beim Schreiben am schwersten?

Das Plotten.
Meine ersten drei Bücher entstanden ohne jegliche schriftlich fixierte Idee, wo alles anfängt und wo alles enden soll. Es war mehr so: Hier haben wir also diese Protagonistin, sie könnte mit diesem Protagonisten zusammentreffen, und jetzt – drei, zwei, eins – gucken wir mal, wo das hinführt.
Lässt man mich, bin ich die totale Ins-Blaue-Schreiberin.
Nachvollziehbarerweise vertrauen Lektorinnen der geäußerten Vermutung, dass es bestimmt ein schönes Buch wird, aber nicht unbedingt, also müssen gut ausgearbeitete Exposés her – und es dauert normalerweise, bis ich mich da einigermaßen hineingefuchst habe. Oft schreibe ich daher erst einmal dreißig, vierzig Seiten lang ins Blaue hinein, bis ich meine Protagonisten zumindest so gut greifen kann, dass ich ein Gefühl dafür bekomme, wie ihr Charakter die Grundidee der Geschichte prägen wird.

Wie läuft dein Schreibprozess ab?

Ich setze mich hin, beginne beim ersten Satz und ende mit dem letzten. Ich habe noch nie bestimmte Szenen vorab geschrieben und sie dann eingefügt oder zusammengesetzt; alles muss stringent von der ersten Szene bis hin zur letzten laufen.
Man könnte mich jetzt unflexibel nennen – allerdings kenne ich keine Gnade, wenn es ans Überarbeiten geht. Es gibt eigentlich nichts, das nicht der Delete-Taste zum Opfer fallen könnte: in dieser Phase finde ich es leicht, ganze Kapitel herauszureißen, um sie um- oder sogar völlig neu zu schreiben. 

Du bist Mitglied bei Ink Rebels. Könntest du kurz erklären, was es damit auf sich hat und was das Besondere oder Schöne daran ist?

Die Ink Rebels – das sind fünf Autorinnen, die sich ursprünglich zusammengetan haben, um Herzensgeschichten einen Raum zu bieten. Neben mir sind das Jennifer Benkau, Julia Dibbern, Franziska Fischer und Daniela Ohms, und wir alle hatten und haben bestimmte Geschichten, die nicht sonderlich Verlags-konform sind, die wir aber trotzdem ins Licht rücken wollten. Mit Amrûn haben wir einen kleinen Verlag dafür gefunden, über den wir als Imprint die gedruckten Ausgaben unserer Bücher veröffentlichen dürfen, die Rechte der E-Books liegen bei uns selbst.
Mittlerweile sind die Ink Rebels aber sehr viel mehr für mich als Kolleginnen. Wir arbeiten noch immer als Team zusammen, wenn es um die Veröffentlichung eines neuen Ink Rebels Buchbabys geht, aber wir unterstützen uns darüber hinaus auch in so gut wie allen anderen Bereichen unseres Lebens. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass es seit vier Jahren kaum einen Tag gegeben hat, an dem wir nicht miteinander in Kontakt gewesen wären – es sind Kolleginnen, ja, aber noch mehr sind es mittlerweile Freundinnen.

Lieber nie wieder lesen oder nie wieder schreiben?

Öhm. Was ist DAS denn für eine fiese Frage? Ich glaube … also, wenn ich mich wirklich entscheiden müsste, was ich aber zum Glück niemals ernsthaft muss … dann eher nie wieder lesen, dafür aber schreiben. Mit dem Schreiben kann ich mich hervorragend von absolut allem ablenken (ich weiß das leider ziemlich genau), höchstwahrscheinlich also auch von dem traurigen Umstand, nie wieder lesen zu dürfen.

In welchem Genre würdest du dich gerne mal ausprobieren?

Fantasy. In erster Linie deshalb, weil ich in meiner Schublade den Beginn eines Fantasy-Manuskripts liegen habe, von dem meine Agentin sagt, sie habe keine Ahnung, wo genau ich damit hin will. (Ich weiß es selbst noch nicht genau, aber ich liebe es.)

Hast du eine seltsame Lese- oder Schreibgewohnheit?

Seltsam? Nein, ich glaube nicht. Nur eine Lesegewohnheit, die allgemein geächtet ist: Ich lese oft mal eben mitten im Buch das Ende.
Ich weiß, das darf man nicht, aber wenn mich ein Buch zu sehr mitreißt, beginne ich, immer schneller zu lesen. Ich brettere dann irgendwann so rasant durch die Seiten, dass ich die Schönheit einzelner Passagen gar nicht mehr richtig genieße, und wenn mir das auffällt – lese ich das Ende und kann anschließend wieder ganz entspannt durchs Buch schlendern.

Mit welchem Schriftsteller – lebend oder tot – würdest du gerne Essen gehen?

Das ist leicht: Mit Terry Pratchett. Ich verehre ihn zutiefst (und habe geweint, als ich von seinem Tod erfuhr). Alles, was ich über ihn weiß, lässt mich darauf schließen, dass er ein humorvoller, lebenskluger und warmherziger Menschenkenner war, und ein gemeinsames Essen würde vermutlich gar nicht ausreichen, um all die Fragen, die ich ihm gern stellen würde, ausgiebig zu diskutieren.

Was ist dein Lieblingsbuch aus deiner Kindheit?

Aus meiner Kindheit … schwer. Es gibt so viele. Ich unterteile das mal: In sehr jungem Alter: „Die Kinder aus Bullerbü“ von Astrid Lindgren und „Laura in der Prärie“ von Laura Ingalls Wilder. Später dann „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende und „Der illustrierte Mann“ von Ray Bradbury. Ich habe all meine damaligen Bücher mehrmals gelesen, aber diese vier so oft, dass ich es nicht mehr zählen könnte.

Welches Genre dominiert dein Bücherregal?

Könnte ich jetzt gar nicht sagen. Klar, ich besitze sämtliche Werke von Terry Pratchett, aber auch alles von John Irving, von Matt Ruff, von Lily Brett oder von Wally Lamb. Eine ganze Reihe Bücher von Henning Mankell und Jo Nesbø reihen sich ein neben Isabel Allende und Gabriel García Márquez; Alain de Botton steht neben Jodi Picoult, und natürlich befinden sich im Regal auch sehr viele Bücher von meinen Ink Rebellinnen. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich insgesamt besitze, so an die tausend werden es schon sein, und es sind eigentlich so gut wie alle Genre vertreten. Es gibt immer und in fast jedem Genre Autorinnen und Autoren, die mich mitreißen, auf ein bestimmtes festlegen könnte ich mich daher jetzt nicht. Umgekehrt wäre es vermutlich leichter. Ich lese – trotz Ray Bradbury und Star-Trek-Verehrung – kaum Science Fiction (ich glaube, da findet sich in meinen Regalen nur noch Douglas Adams), und ich lese, obwohl ich aus meiner Jugend noch immer fast alles von Stephen King besitze, keinen Horror mehr.  

Welchen Tipp würdest du angehenden Autorinnen und Autoren geben?

Zuallererst: Dranbleiben. Einfach stur immer weitermachen. Davon ausgehen, dass man im Normalfall ständig wieder enthusiastisch gegen Mauern rennt, und man dann aufstehen, seine überall verstreuten Seiten einsammeln und sich geknickt neu sortieren muss. Klar, einer gewinnt auch im Lotto, aber ich kenne keine Autorin und keinen Autoren, die oder der nicht schon derart rabiat ausgebremst worden wäre, dass man im Anschluss nicht nach der vielzitierten Krone gesucht hat, sondern schon froh war, wenn man die daraus erwachsenden Selbstzweifel wieder unter Kontrolle bekam.
Mein zweiter Tipp ist vermutlich keiner, weil ich davon ausgehe, dass jeder, der schreiben möchte, das ohnehin tut: Lesen. Viel lesen, querbeet lesen, auch dann noch lesen, wenn man selbst am Schreiben ist (das fällt mir übrigens schwer, dafür räume ich mir leider viel zu wenig Zeit ein).
Und mein dritter Tipp: Sich vernetzen. Schreiben ist ein einsamer Job, aber man braucht früher oder später den Austausch mit anderen, am besten mit Menschen, die wissen, wovon man spricht, wenn man einmal mehr das eigene Manuskript mit einem roten Netz an Anmerkungen überzogen findet. Oder es erst gar keiner anschauen wollte. Hätte ich meine vier Inkies nicht – ich weiß nicht, ob ich es in den letzten Jahren geschafft hätte, meinen ersten Tipp selbst zu beherzigen.

Weißt du schon, was nach der Leuchtturm Trilogie ansteht? Kannst du schon verraten, worauf wir uns als nächstes freuen dürfen?

Ich darf leider noch nichts verraten, aber es stehen zwei Projekte in der Warteschleife, die sich gerade zunehmend konkretisieren. Und ich freu mich auf beide wie verrückt. Bei einem bleibe ich meiner bisherigen Richtung treu, bei dem anderen – nicht. 

Foto: (c) Stefan Hobmaier

Schreibe einen Kommentar