Schreibtipps: Der erste Schritt – Wie lässt sich eine Idee entwickeln?

Alles fing an mit einer blauen Kappe und einem Mädchen, das mir nur eine Hälfte ihres Gesichts zudrehte. Ich wusste, wie sie aussah. Sah die Brille genau vor mir. Die Haare. Den Ausdruck in ihrem Gesicht. Der Hintergrund war rot. Keine Ahnung, warum ich ihn in dieser Farbe gemalt habe. Ich habe nur diese Person vor Augen gehabt. Mehr nicht. Das war mein Ausgangspunkt. 

Manchmal ist die Idee, mit der alles anfängt, nicht mehr als ein Schnipsel, der auf den ersten Blick viel zu klein erscheint, als dass sich etwas daraus entwickeln könnte. Manchmal ist es ein Lied, das eine Szene hervorruft. Ein Geräusch, ein Geruch, ein Satz, ein Bild. Mehr braucht es oft gar nicht. Es stellt sich nur die Frage, wie man es schafft, dass mehr daraus wird. Darauf will ich in diesem Post ein bisschen eingehen. 

Ideen entwickeln ist der erste Schritt, dein Ausgangspunkt. Mir hilft es, die konkrete Idee, die ich im Kopf habe, aufzuschreiben oder zu zeichnen. In dem Fall von dem Mädchen mit der Kappe hatte ich das Aussehen und den Charakter einer Protagonistin für ein Buch im Kopf. Also habe ich erst einmal alles aufgeschrieben, was ich über sie weiß. Das mache ich am liebsten in einem Notizbuch und nicht auf dem Laptop. Das fühlt sich dann so ein bisschen an wie Tagebuch-schreiben. Meistens fallen einem, wenn man die Ideen, die man hat, aufschreibt, noch mehr ein. Wenn ich aufschreibe, dass sie sehr schlagfertig ist, fällt mir vielleicht als nächstes ein Spruch ein, den sie sagen würde oder eine Person, zu der sie den Spruch sagt. So kommt man von einem zum anderen. Und ich lasse mir da freien Lauf. Ich stoppe mich nicht. Egal, wie sinnlos manche Details erscheinen. Wie zum Beispiel ihr Lieblingsessen, auch das schreibe ich auf. 

Das gleiche gilt natürlich auch für jede andere Idee, die ich habe. Manchmal beginnt eine Geschichte mit einer einzigen Szene, die ich im Kopf habe. Meist ist es irgendeine Schlüsselszene, sehr selten der Anfang des Buches. Aber das macht nichts. Ich schreibe die Szene trotzdem auf. Lasse dabei meinen Geist wandern. 

Wenn man seine Idee, mit der alles angefangen hat, aufgeschrieben hat, kann man sie zusätzlich noch visualisieren. Ich nutze dafür immer Pinterest, aber das habe ich schon in einem anderen Post erklärt. Da steht alles zu den Hilfsmitteln, die ich beim Schreiben verwende:

Schreibtipps: Welche Hilfsmittel euch das Schreiben erleichtern

Wenn ich mir durch das, was ich aufgeschrieben habe und die Bilder, die ich auf Pinterest gefunden habe, einen guten Überblick verschafft habe, versuche ich die wichtigsten Informationen, die ich sonst noch so brauche, herauszufinden. Dazu gehe ich erstmal die W-Fragen durch. 

Wo?

Wo spielt die Handlung? Gibt es gewisse Orte, die immer wieder vorkommen und auch eine wichtige Funktion in der Handlung spielen? 

Wer?

Wer spielt eine Rolle? Es geht schließlich über den Hauptcharakter hinaus. Also frage ich mich, welches Verhältnis er/sie zu seiner/ihrer Familie hat. Ist er/sie ein Einzelgänger oder hat er/sie viele Freunde? Gibt es eine Liebesgeschichte (bei mir lautet die Antwort auf diese Frage immer Ja)? Und wenn ja, wie wird sie ablaufen? Sind sie am Anfang gute Freunde oder vielleicht sogar Feinde? Wer erzählt? Aus welcher Perspektive teilt ihr dem Leser die Geschichte mit? Könnt ihr in jede Figur hineinsehen oder nur in eine? Welche Erzählperspektive am besten zum eigenen Schreibstil passt, findet man ganz leicht heraus, wenn man einfach mal versucht, eine Szene zu schreiben. Ich schreibe am liebsten aus der ich-Perspektive. Ich habe es auch mal anders probiert, aber es hat mir nicht so gut gefallen. So ein Gefühl werdet ihr vermutlich auch haben. Und wenn nicht, wer sagt, dass man eine Geschichte nicht aus verschiedenen Perspektiven zusammen erzählen kann? 

Wann?

Wann spielt die Handlung? Damit meine ich nicht nur die Zeit, in der die Handlung spielt. Also Mittelalter, unsere Zeit oder vielleicht sogar in einer Fantasy-Welt, in der sowas keine Rolle spielt, weil man sie sowieso selbst erschafft. Ich meine damit auch den Zeitraum, über den sich die Handlung erstrecken soll. Sind es mehrere Monate, Jahre oder vielleicht nur ein einziger Tag? Alles ist möglich und eröffnet natürlich auch immer wieder Möglichkeiten für interessante Erzählstrukturen. 

Was?

Was ist der Mittelpunkt der Handlung? Worum dreht sich alles? Dabei geht es jetzt noch nicht so sehr um Nebenhandlungen, die vielleicht auch noch eine Rolle spielen, sondern erst einmal die Haupthandlung. Und gleich dazu, weil das sehr wichtig ist, der inciting incident. Das ist der Moment, der die Handlung in Gang bringt. Dies geschieht, wenn der Hauptcharakter aus seinem normalen Leben herauskatapultiert wird und die Handlung des Buches beginnt. Bei einer Liebesgeschichte ist das in den meisten Fällen das erste Treffen zwischen den zukünftigen Liebenden. In Fantasy-Romanen ist oft der Tod eines Elternteils der Moment, mit dem alles beginnt. Der Held macht sich auf den Weg, einen Schatz zu finden. Gandalf steht vor der Tür und nimmt einen mit auf ein Abenteuer. Aber nicht jede Geschichte muss sich penibel daran halten. Es gibt auch genug Beispiele, wo es fast 100 Seiten dauert, bis die Handlung so richtig losgeht. Und bei manchen Büchern funktioniert es. Sie sind trotzdem spannend und ziehen einen in die Geschichte hinein. Doch es gibt auch immer wieder Bücher, die sehr langsam anfangen, die ich nach 50 gelesenen Seiten einfach wieder fortlege, weil sie mich langweilen. Das will man natürlich vermeiden.

Warum?

Warum handelt der Protagonist, wie er handelt? Bei den ersten Schreibversuchen erschien mir dieser Punkt noch nicht so wichtig und das merkt man leider auch. Denn heute habe ich erkannt, dass die Entwicklungen und Motivationen eines Charakters mehr oder weniger das sind, womit eine Handlung steht und fällt. Charaktere sind das Herz einer Geschichte. Deswegen hilft es sehr, sich vorher mal aufzuschreiben, was der Charakter eigentlich erreichen will. Was sind seine Ziele, seine Motivation, was treibt ihn an? Hat er eine Schuld zu begleichen? Gibt es ein Geheimnis, das ihn täglich quält? Auch ist es wichtig, dass ein Charakter sich über den Zeitraum der Handlung entwickelt. Das könnt ihr euch auch zu Anfang aufschreiben. Vielleicht ist das Mädchen erst schüchtern und unsicher und am Ende hat sie ihr Selbstbewusstsein gefunden. Oder sie ist mürrisch und kann niemandem vertrauen, doch lernt sich zu öffnen. Charaktere wachsen zu sehen, macht das Lesen sehr viel spannender. 

Diese ganzen Punkte bekomme ich meist nicht in einer Stunde zusammen. Auch nicht an einem Tag. Vielleicht seid ihr in der Lage, die Idee für ein vollständiges Buch an einem Nachmittag zu entwickeln. Ich bin es nicht. Dafür muss ich auch mal rausgehen, selbst was erleben und daraus wieder Ideen entwickeln. Deswegen habe ich immer ein Notizbuch dabei. So kann man jede Idee, die einem noch kommt, aufschreiben. Vielleicht hattet ihr noch keine gute Idee für einen Ort, doch dann geht ihr mit Freunden in ein neues Café und das sieht so schön aus, dass ihr plötzlich genau wisst, wo eure Handlung spielen soll. Solche Momente, in denen man einen Geistesblitz hat, sind wirklich schön, und machen das Schreiben nur noch spannender. Weil man merkt, wie man selbst und die Erfahrungen, die man macht, in das hineinfließen, was man erschafft. 

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