Rezension: Someone New von Laura Kneidl

Rezension auf einen Blick

Themen: Comics, Geheimnisse, *
So hat sich das Buch angefühlt: hoffnungsvoll, wichtig, bereichernd
Der erste Satz: „Wie lange muss ich das wohl noch ertragen?“

Vorwarnung: Der erste Teil dieser Rezension ist frei von Spoilern. Die Informationen, die ich preisgebe, stehen im ersten Kapitel des Buches oder im Klappentext. Ab dem Absatz mit der Überschrift „Spoilerwarnung“ bespreche ich die vollständige Handlung des Buches. Ab da verrate ich also wichtige Punkte, die ihr vielleicht nicht verraten haben wollt. Also wer das Buch noch ohne Vorwissen lesen will, sollte dort aus dem Text aussteigen.

Ohne Spoiler

Wie soll ich nur klar machen, warum dieses Buch so unglaublich gut ist, wenn ich nicht die größte Auflösung verraten darf? Das wird schwer. Aber wenn ihr ohne Vorwissen dieses Buch lesen wollt, dann lasst euch einfach von mir versichern, dass es sich zu 100 Prozent lohnt, dieses Buch zu lesen. Nicht nur ist es gut geschrieben und so lustig, dass ich manchmal laut auflachen musste (was ein bisschen unangenehm war, weil ich es auf einer langen Zugfahrt gelesen habe), sondern auch sehr sensibel, wie es mit den ernsten Themen umgeht. Ich habe schon andere Bücher von Laura Kneidl gelesen, die ich sehr gut fand. Ich habe Gutes von diesem Buch erwartet. Doch was ich bekommen habe, war noch viel besser.  Das beste Buch, was ich – bis jetzt – in diesem Jahr gelesen habe. 

Okay, ich muss mich ein bisschen zusammenreißen. Ich will ja kurz noch drauf eingehen, worum es eigentlich geht. Die ich-Erzählerin ist Micah. Ein Mädchen aus reichem Hause, die sich auf ihre erste eigene Wohnung und ihr erstes Jahr auf dem College freut. Vor allem, weil sie ihre Eltern nicht mehr ertragen kann. Als sie ihren Bruder Adrian im Bett mit einem anderen Jungen erwischt haben, warfen sie ihn aus dem Haus. Und Micah hat keine Ahnung, wie es ihm geht und wo er ist. Deswegen hat sie ihren Studienplatz in Yale sausen lassen, um in ihrer Heimatstadt bleiben zu können. Denn sie will Adrian auf jeden Fall finden. Nachdem sie auf einer Dinnerparty mehrere langweilige Gespräche über sich hat ergehen lassen, schleicht sie sich in die Küche. Dort trifft sie auf Julian, der für die Veranstaltung ihrer Eltern kellnert. Die beiden flirten miteinander und Micah fühlt sich ab der ersten Sekunde zu ihm hingezogen. Doch als ihre Mutter die beiden beim Reden erwischt, verliert Julian seinen Job. Micah fühlt sich furchtbar. Vor allem, weil sie sich nicht einmal richtig entschuldigen konnte. Dafür erhält sie eine Chance, als ihr klar wird, dass Julian ihr neuer Nachbar ist. Doch auch jetzt ist er für eine Entschuldigung nicht empfänglich und Micah ist frustriert, dass er sie so auf Abstand hält. Doch schnell stellt sich heraus, dass er das nicht nur bei ihr so macht. Alle Menschen hält er auf Abstand. Doch Micah kann sich nicht einfach von ihm fernhalten. Und kommt so dem Geheimnis immer näher, das Julian vor allen verborgen hält. 

Ich habe Micah von der ersten Seite an geliebt. Spätestens aber, als sie einen Mann auf der Dinnerparty gefragt hat, ob er ein Superheld ist. Und wenn Micah einen auch damit nicht für sich einnehmen konnte, dann damit, dass sie verzweifelt in ihrer Küche herumklettert auf der Suche nach Essen. Auch das erste Treffen mit Julian hätte kaum besser sein können. Ich bin sofort in der Geschichte abgetaucht. Keine Möglichkeit, so schnell wieder aufzutauchen. Ich werde das Buch auf jeden Fall nochmal lesen.

Spoilerwarnung

Okay, ich kann den Haupt-Spoiler wirklich kaum noch für mich behalten. Ich muss es rauslassen. Aber ich sage nur noch einmal: Wenn man es von vornherein weiß, dann entgeht einem ein richtig guter Aha-Moment. 

Bei den Themen habe ich ein * hinzugefügt. Denn das dritte Thema des Buches ist Transgender. Julian ist im Körper eines Mädchens zur Welt gekommen. Wie Laura Kneidl seine Probleme mit seiner Familie und der Gesellschaft schildert, war sehr nachvollziehbar und manchmal auch ein bisschen herzzerreißend. Ich wusste, bevor ich dieses Buch gelesen habe, noch viel zu wenig über das Leben von Menschen, die Trans sind. Deswegen finde ich dieses Buch zu wichtig und hoffe, dass es so viele Menschen wie möglich lesen. Denn wie Laura Kneidl mit dem Thema umgeht, ist wirklich toll. Transgender haben mit sehr vielen Problemen zu kämpfen, und es ist wichtig, dass wir alle darüber Bescheid wissen, damit sich etwas ändern kann. 

Als die Auflösung kam, dass Julian Transgender ist, habe ich mich erst gefragt, wie ich das habe übersehen können. Laura Kneidl hat immer wieder Hinweise gegeben, aber weil ich zu wenig über das Thema wusste, habe ich die Hinweise immer falsch gedeutet. Genauso wie Micah. Doch nicht die Auflösung war das, was dieses Buch so unglaublich gut gemacht hat. Sondern vor allem, wie Micah damit umgegangen ist. Für sie hat sich nichts geändert. Sie liebt Julian. Dass er als Mädchen geboren wurde, ändert nichts daran. Sie braucht keine Zeit, um sich über ihre Gefühle klar zu werden, weil sie ihre Gefühle kennt. Er ist der gleiche Mensch. Und genauso wie Micah Julian sieht, sollte man jeden Menschen auf dieser Welt betrachten. Sie liebt Julian für die Person, die er ist. Der Rest ist egal.

Micah ist ein besonderer Charakter. Doch das gilt auch für andere in diesem Buch. Julian ist verletzlich und stark zugleich. Er hat so viele negative Erfahrungen in seinem Leben machen müssen. Seine Familie kann ihn nicht akzeptieren und lieben, wie er ist. Als er auf der Beerdigung seines Vaters auf seine Mutter trifft, musste ich richtig weinen. Laura Kneidl schafft es, dass man die Gefühle der Figuren selbst spüren kann. 

Aber auch die Nebencharaktere sind nie eindimensional. Micahs Eltern sind zwar reich und haben ihren schwulen Sohn aus dem Haus geworfen, doch sie werden nicht einfach als herzlose Monster dargestellt. Zu Micah sind sie gute Eltern. Und dass sie diese beiden Seiten haben, finde ich sehr gut. So wirken sie nicht wie Bösewichte, sondern wie richtige Menschen. Wie Micah mir ihnen umgeht, ist auch sehr realistisch dargestellt. Sie ist wütend auf ihre Eltern, aber sie liebt sie trotzdem noch. Dieser Konflikt hat mir gut gefallen. 

Natürlich habe ich mich auch sofort in Julians Mitbewohner verliebt. Cassie und Auri, die in ihrer Freizeit gerne Fantasy-Rollenspiele machen. Die beiden bekommen auch noch ein eigenes Buch, auf das ich mich so sehr freue, dass ich es kaum noch abwarten kann. Der 27. Januar 2020 ist schon dick im Kalender markiert, damit ich es ja nicht verpasse. Leider muss ich mich noch gedulden, bis „Someone Else“ rauskommt. Aber ich bin überzeugt, dass sich das Warten lohnen wird. 

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